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Die mißbrauchte Utopie

I.

Einen Film über die DDR in der Zeit ihres großen Umbruchs machen zu wollen, hängt mit meinem vorherigen Film zusammen. Mit "Intifada – auf dem Weg nach Palästina" habe ich versucht zu zeigen, wie ein kleines Volk mit den Mitteln des massenhaften zivilen Widerstands eine der bedrohlichsten Armeen dieser Erde nun schon länger als zwei Jahre in Schach hält und dabei seinem Traum, frei und selbstbestimmt in einem eigenen unabhängigen Land zu leben, so nah wie nie zuvor gerückt ist.

Als die Menschen am 9. Oktober in Leipzig zu Zehntausenden auf die Straße gingen, wußten sie sehr wohl, daß sie ihr Leben für eine Idee riskierten. Zum ersten Mal erlebte ich auf deutschem Boden einen massenhaften zivilen Aufstand gegen eine autoritäre Staatsführung, die sich hinter ihrem mächtige Polizei- und Bespitzelungsapparat versteckte. Der Druck der Straße siegte, und die Menschen, die gerufen hatten "wir wollen dableiben", waren ihrem Traum von einer anderen Republik, in der die Freiheit wieder zählt, ein ganzes Stück näher gekommen.

"Wie gelangt das Streben nach Glück, ohne dessen messianischen Vorschein kein Jammertag ertragbar wäre, zu der Entschlossenheit, eine gewaltige Veränderung zu wagen?"

Ich glaubte, daß die deutsche Revolution 1989, 200 Jahre nach der Französischen Revolution, eine Antwort auf diese Frage von Walter Jens bereithielt. Doch dann haben sich die Ereignisse überschlagen, und nur wenige Monate später ist die Revolte der Straße zu einer 'Rank-Xerox-Revolution' verkommen, die "Schnelligkeit nur in einem beweist: die BRD-Verhältnisse zu kopieren", wie Ute Scheub in einem TAZ-Kommentar schrieb.

II.

"Die Stimmung ist das Medium des Tagtraums." (Ernst Bloch)

Die revolutionäre Stimmung des Oktobers 1989 ist nach der denkwürdigen Grenzöffnung am 9.November umgeschlagen in die Stimmung der Angst vor dem absoluten sozialen Absturz. Innerhalb von wenigen Tagen nahm praktisch die gesamte Bevölkerung der DDR den real

existierenden Kapitalismus in unmittelbaren Augenschein. Die Flut der sinnlichen Reize, Eindrücke und Bilder hat die Menschen apathisch gemacht, ihnen ihre alten Tagträume genommen und die Köpfe freigemacht für die Propagandarhythmen des kapitalistischen Westens.

Der Zustand des Augenblicks, die utopische Vorstellung, die Zeit für einen Moment anhalten zu können, um den Diskurs der Macht durch den Diskurs der Entmachteten zu ersetzen, ist so schnell zerronnen wie ein Traum. Die Atempause des Dialogs, des frischen, anarchischen Streitens über die gesellschaftlichen Zielvorstellungen, war viel zu kurz, um sich in den Köpfen der Menschen nachhaltig festsetzen zu können. Dieser plötzliche, ungeheuerliche Freiraum, Gedanken heraustreten zu lassen in die Arena des politischen Streits bei absoluter Waffengleichheit, ist in atemberaubender Geschwindigkeit wieder verspielt worden. Stattdessen: eine öde Parteienlandschaft, in der geradezu primatenhaft versucht wird, die westlichen Vorbilder zu imitieren. Der pluralistische Streit um das bessere Argument wurde von der Eindimensionalität des politischen Diskurses der Parteien verdrängt. Wo sind sie geblieben, die "Träume, die wieder auf der Straße liegen", wie es zu Anfang der 70er Jahre auf vielen Mauern in italienischen Städten zu lesen war?

Sind sie wirklich schon am Ende, die im Oktober 1989 den Weg geebnet hatten für eine eigene, nicht fremdbestimmte Herausbildung einer neuen Identität? Ein Film über den historischen Umbruch in der DDR, die sich anschickt, die deutsche Oktoberrevolution für einen Judaslohn zu verkaufen, muß sich in meinen Augen mit diesen Tagträumen von einer radikal-demokratischen, humanistischen Gesellschaft befassen.

III.

Mein Arbeitstitel "Die mißbrauchte Utopie" ist eine Anspielung auf die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der DDR. Die westliche Welt feiert in trunkener Selbstgefälligkeit den Niedergang des real existierenden Sozialismus als ihren persönlichen Sieg, die Idee des Sozialismus scheint derart an Faszinationskraft verloren zu haben, daß sogar Präsident Bush das berühmt-berüchtigte Einreiseverbot für Kommunisten in die USA ersatzlos gestrichen hat. Doch tatsächlich waren es die osteuropäischen Länder selbst, die ihre Gleichheit gegen die Freiheit eingetauscht haben. Bei meiner Reise in die DDR habe ich mir die Frage gestellt, ob die Idee des Sozialismus von einer humanen und radikal-demokratischen Gesellschaft tatsächlich aufgebraucht ist oder aber die Menschen sich mißbraucht fühlten von einer autoritären Staats- und Gesellschaftspraxis, die diese Idee auf ihr ideologisches Banner geschrieben hatte. Gibt es keine Alternative zum real existierenden Kapitalismus? Ich mußte mir diese Frage stellen, denn zahlreiche Reisen der letzten Jahre in den arabischen und lateinamerikanischen Raum lassen mich zu der gleichen

Einschätzung kommen, wie sie der holländische Filmemacher Johan van der Keuken aufgrund ähnlicher Erfahrungen formuliert hat:

"Es gibt ein wachsendes Bewußtsein hinsichtlich der Tatsache, daß unsere auf Herrschaft und stetem Wachstum basierenden Produktionsweisen und Gesellschaftsideale in ihrer eigentlichen Primitivität zunehmend die Grundlage unserer Existenz bedrohen: die Erde."

Die Mehrheit der DDR-Bevölkerung scheint sich auf der Suche nach ihrem persönlichen Glück diesen Produktionsweisen und Gesellschaftsidealen wortwörtlich auf Gedeih und Verderb überschreiben zu wollen. Hat die 'konkrete Utopie' eines Ernst Bloch von einer humanen, zivilen und solidarischen Gesellschaft, ohne die ich mir eine Annäherung an die französischen Revolutionsideale Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit nicht vorstellen kann, noch Bestand im Bewußtsein der DDR-Bürger, oder ist sie obsolet, der Geschwindigkeit des politischen Aktionismus zum Opfer gefallen?

Der Betriebsleiter eines Broilergroßmastbetriebs, ein überzeugter Anhänger der schnellstmöglichen Vereinigung beider deutscher Staaten, hat mir gegenüber im Gespräch sehr präzise den Spannungsbogen definiert, in dem sich die DDR-Gesellschaft zur Zeit befindet:

"Wissen Sie, ich persönlich mag diese Spinner vom 'Neuen Forum'. Ich hab' ja auch einige hier im Betrieb. Die muß es geben, wirklich. Denn ohne sie gäbe es ja keine Ideen von einer besseren Zukunft. Doch für mich bleiben das Spinner, denn im Moment sind ganz andere Dinge gefragt. Ich war nach der Grenzöffnung zum ersten Mal drüben. Ich habe mit eigenen Augen euren Wohlstand und Fortschritt gese hen. Für mich gilt seitdem nur eines: So schnell wie möglich denselben Standard hier zu erreichen und das geht nur durch die Übernahme eures Währungssystems und der freien Marktwirtschaft."

Ich bin in die DDR gefahren auf der Suche nach den Tagträumen, nach den Utopien, die in den Oktobertagen 89 am Horizont aufschienen. Ich habe dabei bewußt die großen Städte, die Zentren der Aufmerksamkeit, gemieden. Hier scheint mir der Prozeß der Territorialisierung der Köpfe schon weit fortgeschritten, und die Tagträume scheinen unter der Wucht der westlichen Propagandahysterie wie unter einer lähmenden Geröllmasse verborgen zu liegen. Ich bin in den Süden der Republik gefahren, dorthin, wo sich schon seit Generationen die Industrie- und Produktivkräfte ballen. Dort in der Provinz, in Wilkau-Haßlau, einem Vorort der Automobilund Hüttenindustriestadt Zwickau, haben mich Verwandte eines guten Freundes erwartet. Hier begann meine Recherche.

IV.

Die Macht der Straße scheint inzwischen in ohnmächtigen Ritualen der Selbstinszenierung zu erstarren. Geschmeidig scheint sich die Politik dem anarchischen Zugriff der Massen wieder entzogen zu haben. Während überall Parteien wie Spaltpilze aus dem Boden schießen, sich ihren Anteil an zukünftiger Macht zu sichern suchen, tappen die Massen montags in den Straßen umher und schauen wie betäubt auf ihre leeren Hände. Je mehr die zum Teil unbewußte Einsicht wächst, daß die Kontrolle von unten auf die Entwicklung der Politik verloren zu gehen droht, desto heftiger werden die Versuche, sich selbst unübersehbar und unüberhörbar zu machen. Das Bild der Montagsdemo in Zwickau wird bestimmt von "Deutschland, einig Vaterland"-Rufen und Rednern, die jeden Montag aufs Neue vierzigjähriges, persönlich erlittenes Unrecht herausschreien.

Und doch haben diese Montagsdemos, dieser Druck der Straße in den revolutionären Tagen des Oktobers 1989, ein politisches Terrain erkämpft, von dem wir hier im Westen nur träumen können. Es ist ein politisches Machtvakuum entstanden, ein Raum, der inzwischen von den unterschiedlichsten basisdemokratischen Initiativen besetzt worden ist und der immer noch erweitert werden kann, solange die herrschenden politischen Kräfte dem Druck der Straße weichen. Ist es bei uns im Westen vorstellbar, daß ehemals politisch Verfolgte die Auflösung des Verfassungsschutzes oder des Bundeskriminalamtes kontrollieren? Kann man sich hier vorstellen, daß der Direktor einer großen Kokerei sagt, ein wichtiger Orientierungspunkt bei seiner zukünftigen Betriebsführung sei die Meinung der Straße? Diese Bemerkung hörte ich bei einem Besuch des August-Bebel-Werks in Zwickau. Einer der Begründer des 'Neuen Forums' aus Wilkau-Haßlau, der an der Auflösung des Staatssicherheitsamtes in Berlin beteiligt ist, erzählte mir, wie es ihm manchmal, wenn er im Büro seiner ärgsten Widersacher sitze, davor graue, plötzlich aufzuwachen und zu wissen, daß alles nur ein Traum gewesen sei. Überall ist die dunkle Angst vor dem neuen Unbekannten zu spüren, dessen Spielregeln man nicht kennt.

V.

"Wo die Gefahr ist, wächst das Rettende auch." (Hölderlin)

Der Traum von einer Sache, Wunschwelten – konfrontiert mit der behaglichen Spießigkeit überheizter DDR-Wohnstuben. Irgendwo zwischen den Wohnsilos mit fließend Warmwasser, aber ohne Anbindung an den öffentlichen Verkehr, in den Altbauten mit Klosett auf halber Treppe, unter malerisch geduckten Balkendecken erzgebirgischer Gaststuben, in selbstvertäfelten Einfamilienhäuschen, auf Straßen und Plätzen, über denen giftige, gelbe Braunkohleschwaden lasten, auf der Decke des Kokereiofens, in den Ruheräumen der Arbeiter, – irgendwo zwischen protestantischem Arbeitsethos, sächsischem Brauchtum und politischer Erschöpfung habe ich mich auf die Suche gemacht nach den Menschen, die ihre persönliche Utopie von einer humaneren Welt schon wieder fast im Verborgenen weiterträumen.

Diese Träume liegen quer zu den alten und sich jetzt etablierenden neuen Strömungen, sie lassen sich auch nicht einem bestimmten Parteispektrum zuordnen, ebensowenig wie sie sich einer bestimmten Idee oder Theorie verpflichtet fühlen.

Ich denke für meinen Film an zwei Personen, eine Frau und einen Mann, beide etwa so alt wie die DDR. Ihre politischen Standorte liegen weit auseinander. Was sie verbindet, ist der revolutionäre Elan der Oktobertage 1989; sie haben beide die Geschichte auf der Straße mitgemacht. Jeder von ihnen kämpft auf seine Weise für eine bessere Welt; beide sitzen am 'Runden Tisch' von Zwickau-Stadt. Die 'Runden Tische' sind das bedeutendste politische Organ, das in den Oktobertagen erkämpft wurde. Bisher ist es keiner Partei oder Gruppierung gelungen, den 'Runden Tisch' für eigene Zwecke zu instrumentalisieren, und zumindest hier in der Provinz gehen alle entscheidenden politischen Initiativen vom ' Runden Tisch' aus.

VI.

Personenbeschreibungen

Susanne T. ist 38 Jahre alt. Sie arbeitet als Dramaturgin am Puppentheater in Karl-Marx-Stadt. Sie sagt von sich selbst, sie stamme aus einem 'bürgerlichen SED-Haushalt'. Sie hat zwei Geschwister und ist nach eigener Einschätzung das 'schwarze Schaf der Familie'. Sie hat im Gegensatz zu ihren Geschwistern nicht geheiratet und ist bisher kinderlos. Sie wohnt auch nicht wie die anderen Verwandten in einem Neubau sondern in einem fast abbruchreifen Haus mit hohen Stuckdecken und Einzelofenheizung, ganz in der Nähe des Flüßchens Zwickauer Mulde, das bei Hochwasser die Feuchtigkeit in die Wände drückt.

Das Klosett ist auf halber Treppe, die Kloake fließt in die Sickergrube unter dem Keller. "Wenn die Aborte stinken, tut der Frühling winken", grinst Susanne und erzählt eine Vision. "Immer wenn ich die Flurtreppe wischen muß, möchte ich am liebsten eimerweise Wasser in die Klos schütten, obwohl das nach der Hausordnung streng verboten ist. Dann stelle ich mir vor, wie die Kloake in den Mauern hochsteigt und irgendwann das ganze Haus zusammenfällt." Susannes Vater war ein hoher Funktionär, Betriebsleiter, sie ist in einem 'absolut staatsloyalen Haushalt' groß geworden und hat als Jugendliche dagegen zu opponieren begonnen. Der Vater ist kirchenfern, die Mutter findet zu keinem eindeutigen Standpunkt, für Susanne bedeutete das zuerst die 'Jugendweihe' und dann in einem unauffälligeren Rahmen die Konfirmation. Susanne hat sich in der kirchlichen Gemeindearbeit engagiert, hat gemeinsam mit anderen Jugendlichen Hermann Hesse und Albert Camus gelesen. Zu diesem Zeitpunkt gehörte sie für ihren Vater bereits halbwegs zum politischen Untergrund.

Trotz Einserabitur hat sie 'nur' Schauspiel und Dramaturgie studiert. Ihre Eltern haben sie nicht daran gehindert, und das anfängliche Mißtrauen der Mitstudenten gegen die Musterschülerin, die nicht an eine Kunstaka-demie gehörte, war bald verschwunden. Susanne sagt, das offizielle Bild der Frau in der DDR-Gesellschaft sei sehr viel gebrochener als das offizielle Bild des Mannes. Die propagierte Gleichberechtigung sei für viele Frauen eine Lebenslüge geblieben, auch wenn die offizielle Statistik mit dem großen Anteil von Arbeitnehmerinnen und ihrer hohen beruflichen Qualifikation immer das Gegenteil zu beweisen versucht habe. Viele Frauen seien zerbrochen an dem von ihnen geforderten gesellschaftlichen Anspruch, dem offiziellen Bild zu entsprechen: Sich im Berufsleben zu qualifizieren, sich politisch zu engagieren und zugleich eine 'gute' Ehefrau und Mutter zu sein.

"Wenn du als Frau in der DDR etwas werden willst, mußt du besser sein als der beste Mann!" Eine befreundete, hochbegabte Regisseurin sei von ihren männlichen Kollegen psychisch fast ruiniert worden. Die Selbstmordrate unter berufstätigen Frauen, beispielsweise unter Lehrerinnen, sei ungewöhnlich hoch.

"Trotzdem glaub' ich, daß Frauen mit der gegenwärtigen Situation besser umgehen können. Sie sind in solchen Extremsituationen einfach pragmatischer. Während die Männer vom 'Neuen Forum' noch ihren Maximalforderungen nach einem sogenannten 'dritten Weg' nachtrauern, haben sich die Frauen darauf eingestellt, schneller als gedacht wieder einer Minderheit anzugehören."

Susanne ist gegen eine schnelle Neuvereinigung, die sie allerdings inzwischen nicht mehr ausschließt. Sie ist davon überzeugt, daß die Gefahr, von der BRD geschluckt zu werden, vor allem zu Lasten der Frauen gehen wird. Über die zu erwartenden hohen Arbeitslosenzahlen werde auf kaltem Weg die Frauenberufstätigkeit eingeschränkt. Die Frauen in der DDR hätten politische und soziale Rechte erkämpft, die zu bewahren sich lohne.

Susanne sagt, sie habe kein Interesse, Politik zu ihrem Beruf zu machen, aber in dieser historisch einmaligen Situation des politischen Machtvakuums gehe es darum, so viele Freiräume wie nur irgend möglich mit politischen Initiativen zu besetzen, die ihnen auch nach den Wahlen am 18.März nicht mehr so leicht streitig gemacht werden könnten.

Susanne gehörte den Oppositionskreisen in der DDR an, die seit vielen Jahren zusammen gesessen, geredet und nach vorn gedacht haben. Plötzlich kann die Veränderung nicht rasch genug gehen, und sie hat zunehmend Schwierigkeiten zu entscheiden, was im Augenblick zuerst gemacht werden muß: eine Rede für die Montagsdemo schreiben, eine unabhängige Zeitung gründen oder einen multikulturellen Treffpunkt gegen den zunehmenden Rassismus aufbauen. Susanne ist Aktivistin der ersten Stunde im 'Neuen Forum'. Am 'Runden Tisch' geht es um Umweltfragen, Zwickau leidet unter einer der höchsten Emissionsbelastungen der DDR. Die Auflösung des Stasi-Apparats ist immer noch ein Dauerthema. Erst Ende Januar haben sich zwei Männer in Zwickau beim Betreten des Gerichts mit Stasi-Papieren ausgewiesen.

Susanne hat zahlreiche persönliche Kontakte nach Rumänien. Sie war dort zehn Tage lang mit einem Fünfunddreißigtonner voller Hilfsgüter unterwegs. "Es war unglaublich einfach, an den Lastwagen zu kommen, eine Situation, wie ich sie noch vor wenigen Monaten nicht zu träumen gewagt hätte. Als wir unsere Spenden zusammen hatten, bin ich einfach zu Deutrans gegangen und habe einen LKW geordert. Ein paar Stunden später hatten wir einen LKW und zwei Fahrer. Im Moment können wir noch mit solchen Forderungen auftreten."

Susanne zeigt einige Bilder von einer alten Frau mit einem Indianerinnengesicht, die sich in den feinen, weißen Sand der Ostseeküste eingegraben hat. Sie wirkt wie eine Schildkröte im Frühling, die die ersten Sonnenstrahlen empfängt, um zu neuem Leben zu erwachen. "Das ist meine, sagen wir, geistige Mutter. Durch sie habe ich zu denken angefangen. Sie ist Tänzerin, 86 Jahre alt, sie tanzt noch heute und springt, wenn es sein muß, über Heckenzäune."

Susannes Freund Hans arbeitet ebenfalls im 'Neuen Forum' mit. Er bereitet eine Kampagne für die Verankerung des Volksentscheids in der zukünftigen Verfassung der DDR vor. Die Bevölkerung ist sehr müde; es kostet ungeheuer viel Kraft, die Menschen dazu zu bewegen, sich überhaupt den Text zum Volksentscheidsbegehren durchzulesen.

Susanne sagt, sie persönlich habe natürlich eine Utopie. Das Problem sei, daß all die Begriffe dieser Utopie jahrzehntelang von den alten Machthabern mißbraucht worden seien, aus kunstvollem sei künstliches geworden.

Reinhard K. erinnert sich, daß er als Kind nie Westfernsehen anschauen durfte. Wenn er es den- noch heimlich tat, drückte er anschließend auf einen anderen Kanalknopf, damit seine Eltern nichts davon merkten. Erst als die Eltern sich trennten und er zur Mutter kam, wurde dieses Verbot aufgehoben.

Reinhard ist 40 Jahre alt, verheiratet und hat vier Kinder. Er arbeitet als Parteisekretär der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NDPD). Seine Frau ist ebenfalls berufstätig, hat sich inzwischen aber für einige Monate beurlauben lassen. Früher haben sie sich die Arbeit in der Familie geteilt, aber seitdem die Vorbereitungen auf die Wahl laufen, kommt Reinhard praktisch nur noch zum Schlafen nach Hause. Er sieht bleich und übernächtigt aus. Seine Kolleginnen im Parteibüro machen sich Sorgen um seine Gesundheit. Sein Arbeitstag, der um acht Uhr morgens beginnt, endet nicht selten in den späten Abendstunden, dazu kommen noch auswärtige Termine, Reisen nach Berlin, Sitzungen, Besuche bei Parteifreunden.

Reinhard hat Betriebsschlosser gelernt und sich dann bei der evangelischen Kirche zum Pfarrdiakon ausbilden lassen. Nach unüberbrückbaren Gegensätzen mit dem Pfarrer seiner damaligen Gemeinde quittierte er die Arbeit und besuchte die Parteischule der NDPD, der er schon eine zeitlang zuvor beigetreten war.

Obwohl er unter Zeitdruck steht, nimmt er sich viel Zeit für das persönliche Gespräch mit mir. Er vertritt die NDPD am 'Runden Tisch' von Zwickau-Stadt und Zwickau-Land. Neben den Altparteien sind dort das Neue Forum, die SPD und der Konziliare Kreis vertreten., eine kirchliche Oppositionsbewegung. Frauen sind am 'Runden Tisch' unterrepräsentiert. Reinhard ist grundsätzlich für die Quotierung der Frau, "da sich nichts ändern wird in der DDR, wenn die Frauen nicht mehr Einfluß bekommen."

Als Delegierter seiner Partei hat er das neue Wahlprogramm mitgeschrieben. Nach ihrem vergeblichen Versuch, mit der ehemaligen Blockpartei LDP ein Wahlbündnis einzugehen, steht die NDPD nun isoliert da, mit Unterstützung aus dem Westen kann sie nicht rechnen. Reinhard ist regelrecht erleichtert darüber, daß er keine taktischen Rücksichten auf westliche Partner nehmen muß, auch wenn er für seine Partei keine großen Chancen bei der Wahl sieht. Obwohl sein Vater Kommunist ist, versteht Reinhard sich eher in der Tradition des "nationalen deutschen Erbes". Weit davon entfernt, als Deutschnationaler gelten zu wollen., hat er die Vision einer "demokratischen Gesellschaft, die wirklich national und im besten Sinn deutsch ist". Dabei glaubt er an die "Tradition deutscher Humanisten und Patrioten, revolutionärer und radikaler Demokraten anknüpfen zu können." Anbiederungsversuche der Republikaner an die NDPD, die 1948 als Auffangbecken für ehemalige 'kleine' Nazi-Parteigenossen, Vertriebene, Spätheimkehrer und ehemalige Berufssoldaten gegründet worden war – Otto Grotewohl sprach damals von ca. 30% der Bevölkerung -, weist Reinhard als überzeugter Antifaschist empört von sich. Er will das Feld der "deutschen Identität", des "deutschen Nationalbewußtseins" nicht einfach wieder rechten Parteien und Neonazis überlassen. Bewahrungswürdige Archetypen der deutschen Identität seien z. B. die regional sehr unterschiedlich ausgeprägten Brauchtümer, Dialekte und Lebensgewohnheiten, die Verschiedenheit der Charaktere.

Reinhard vertritt die Konföderation beider deutscher Staaten., einen Staatenbund mit gemeinsamer Geschichte und Kultur. Bei einer Vereinnahmung durch die BRD würde die kulturelle und soziale Eigenständigkeit der Regionen unwiederbringlich verloren gehen. Um das wirtschaftliche Überleben der DDR zu sichern, müsse allerdings umgehend die DMark und die freie Marktwirtschaft eingeführt werden.

Reinhard ist sich der Altlasten einer ehemaligen Regierungspartei, die jahrelang die SED – Politik mitverantwortet hat, sehr bewußt. Seine letzten Reisen nach Berlin haben ihm bestätigt, was er befürchtet hatte. Der alte Machtapparat ist noch intakt, größtenteils sitzen noch die gleichen Personen auf den gleichen Posten, das gilt nicht nur für die NDPD sondern auch für die anderen Parteien, Organisationen und öffentliche Einrichtungen des Landes. Was Rei-nhard daran besonders enttäuscht, ist die Entdeckung, daß seine politischen und gesellschaftlichen Ideale von der Parteiführung gar nicht geteilt werden, sondern daß es lediglich darum geht, ihren Anteil an der Macht zu bewahren. Er verfügt über ein einziges Exemplar des neuen Programmentwurfs, Kopien gibt es nicht, es fehlt noch ein Kopiergerät im Parteibüro. Alle Papiere sind auf Wachsmatritze vervielfältigt und aufgrund der hohen Auflage kaum noch lesbar. Die Einrichtung seines Arbeitszimmers scheint aus einem Gebrauchtmöbellager zu stammen. Einzig die Unordnung in diesem kahl beleuchteten Raum wirkt erfrischend. Reinhard wühlt zwischen scheinbar wahllos aufgetürmten, unleserlichen Papierbögen, fischt in Pappkartons herum, findet, was er finden will, z. B. die anrührende, sehr weibliche Lyrik seiner ehemaligen Stellvertreterin, die kurz vor der Grenzöffnung Hals über Kopf in den Westen geflüchtet ist.

Rein gefühlsmäßig sind ihm Oppositionsgruppen wie das Neue Forum am symphatischsten, obwohl ihn deren Konfusion besorgt macht und er an ihrer Führungsstärke zweifelt. Aber liegt nicht gerade im Vakuum der Macht der Freiraum für die Verwirklichung von Träumen, ist nicht die Unordnung der Dinge dem Prozeß der Selbstfindung eher förderlich? In einem seiner Arbeitspapiere steht: "Kreativität und Gehorsam schließen einander aus." Reinhard verschließt sich solchen Argumenten nicht. Auch er weiß, daß in dem Risiko des nicht Steuerbaren zugleich ein Potential an Phantasie und Kraft für die Zukunft liegt. In seinen Augen ist der Streik der Massen ein legitimes Mittel. Wenn z. B. die Auflösung des Stasi-Apparats nicht schneller vorangehe, müsse eben gestreikt werden. Noch als wir schon im Türrahmen stehen, geht die Diskussion weiter, werden östliche und westliche Wertesysteme gegeneinander abgewägt. Auf der Straße ist es dunkel und still geworden. Es ist ein Uhr morgens. Wieder ist ein langer Tag von Reinhard zu Ende.

VII.

Wenn ich der Beschreibung der beiden möglichen Protagonisten meines Films so viel Platz eingeräumt habe, dann bedeutet das nicht, daß ich sie im klassischen Sinn porträtieren will, was auch als Metapher für die gut vierzigjährige Geschichte der DDR verstanden werden könnte. Verfilmt werden sollen Ausschnitte aus ihrem Leben, Episoden, die etwas mit ihren Tagträumen, ihren persönlichen Wunschvorstellungen und Obsessionen zu tun haben. Der Film erzählt Geschichten aus dem Alltag der Protagonisten und ihrer Freunde, Kollegen und Verwandten. Die Bilder zeigen das Alltägliche in einem Land, das sich in dem größten Umbruch seiner Geschichte befindet. Sie erzählen von Menschen, die ihre Geschichte selbst machen wollen, die die gesellschaftliche Entwicklung nicht einfach anderen Kräften überlassen wollen. Der Film wird versuchen, eine größtmögliche Nähe zu den handelnden Personen, ihrer Umgebung und ihrer Zeit herzustellen. Die Drehorte werden zum größten Teil in Zwickau und Umgebung liegen. Die zwölf Monate von Oktober 1989 bis Oktober 1990 werden den zeitlichen Rahmen bilden. Wenn ich mich bei "Intifada" von außen kommend in die Mitte der Bilder vorarbeiten konnte, so nur unter der Voraussetzung, daß sie einen von mir vorbewußten, in einem historischen Prozeß entwickelten inneren Sinnzusammenhang haben.

Obwohl ich viel weiter von der Wirklichkeit dieser Bilder entfernt war und auch sie nur ein Ausschnitt aus einer ganzen Wirlichkeit sein können, öffnen sie doch einen Blick auf die Wirklichkeit als erkennbares Ganzes. Dies entspricht meines Erachtens präzise der Homogenität der palästinensischen Gesellschaft bei ihrem Kampf um Selbstbestimmung.

Bei meinem Filmprojekt in der DDR weiß ich von vorneherein, daß es diesen inneren Zusammenhang der Bilder als Abbild eines äußeren Sinnzusammenhangs der abzubildenden Wirklichkeit nicht geben wird. Das hat Konsequenzen für die Bilder: Sie arbeiten nicht aus der Mitte heraus sondern vom Rand her. Es muß deutlich werden, daß sie durch ihre Begrenzung, durch ihre Ränder definiert werden, so wie der Blinde mit dem Stock die Grenzen seines Bewegungsraums, die Ränder seiner Sicherheit zu ertasten sucht. Obwohl ich mich selbst emotional inmitten des abzubildenden Strudels der Wirklichkeit befinde, muß die Kamera den Blick vom Rand her bewahren, um nicht ein Wissen von der Gesamtheit vorzutäuschen. Sie muß deutlich machen, daß außerhalb ihrer Cadrage die Wirklichkeit weitergeht.

Was die Differenzierung der einzelnen Sinnabschnitte dieser Wirklichkeit so schwierig macht, ist die Geschwindigkeit, in der sie sich vollzieht, in der keine Zeit bleibt, ein Raumgefühl zu entwickeln, sich an die Ränder des Raums heranzutasten.

VIII.

"Wenn Norman Angell in 'Die falsche Rechnung' konstatiert, daß der Krieg finanziell wertlos geworden ist, weil er nicht mehr auf dem Raub zum Nachteile einer 'ausländischen Gruppe' beruhe, d. h. auf 'wegtragbarem Reichtum', sondern eher auf Krediten und Handelsverträgen, so hat er unrecht, wenn er meint, daß dadurch die Eroberung radikal unterdrückt würde; es fehlt seinem Diskurs ein wenig an Schärfe; was die Veränderung des Wesens des Reichtums wirklich anzeigt, ist allein ein Wechsel der Geschwindigkeit der Weltökonomie, d. h. ein Übergang von beweglichen Einheiten zu zeitlichen Einheiten, ein Krieg um Zeit." (Paul Virilio, Geschwindigkeit und Politik)

Wenn ich die deutsch-deutsche Entwicklung beobachte, habe ich das Gefühl, mich auf einem Kriegsschauplatz zu befinden. Die Geschwindigkeit, mit der die DDR durch die BRD vereinnahmt wird, ist ein Krieg um Zeit.

Seit Oktober 1989 und ganz verstärkt seit dem 9.November 1989 gibt es keine Grenzen mehr. Mit der Auflösung der Grenzen, der Entgrenzung des Raums geht aber auch ein Verlust von Identität einher. Das Einreißen der Mauer hat nicht nur den unmittelbaren Effekt des freien Menschen- und Güterverkehrs sondern auch eine tiefe massenpsychologische Wirkung: Der Mensch hat ein ausgeprägtes Residualverhalten. Er braucht den klaren abgesteckten Raum, in dessen Grenzen er sich normativ verhalten kann. Normfreie entgrenzte Räume lösen Angst und Unsicherheit aus. Mauern dagegen bieten Sicherheit. Man fühlt sich geborgen innerhalb von Mauern, man kann sich an sie anlehnen, sie bieten Schutz vor einer unbekannten, feindlichen Außenwelt. Die Mauer als 'antifaschistischer Schutzwall' war nicht nur ein ideologischer Begriff, sondern wurde lange Zeit von Teilen der Bevölkerung auch als solcher verstanden.

Die Entgrenzung des Raums, die Auflösung der Grenze, hat nicht nur das Territorium der DDR zur Disposition gestellt, sondern auch ihren eigenen definitorischen Bezugsrahmen. Das bisher in der DDR gepflegte Weltbild, das sich gerade auch durch die Grenzen des eigenen Raums, der eigenen Wirklichkeit, definierte, ist seit der Grenzöffnung in Auflösung begriffen. Massenhaft gemachte Erfahrungen jenseits der alten Grenzen stellen das alte Weltbild, die alte Ordnung der Begriffe auf den Kopf und entwerten sie auch in dem Maß, in dem sie keine Schutzfunktion mehr ausübt.

Das von mir beobachtete Machtvakuum hat in diesem Prozeß der Entgrenzung des Raums seine Ursache: Der bisherige definitorische Bezugsrahmen des politischen und ökonomischen Apparats hat keine Gültigkeit mehr. Der Apparat verhält sich seitdem abwartend, ausweichend. Er weicht vor Anforderungen nahezu widerstandslos zurück und gibt Räume frei, die vorher von ihm besetzt waren. Und das in der Erwartung, sie erneut besetzen zu können, sobald der Bezugsrahmen, mithin die Grenzen neu definiert sind.

Dabei stehen die hier beschriebenen unspektakulären und alltäglichen Personen stellvertretend für die, die im Oktober 1989 den aufrechten Gang probiert haben, die "vor Wochen noch Helden waren und nun weltferne Träumer heißen" (Konrad Weiß, Filmemacher aus der DDR und Betroffener). Ohne die Träume, ohne die Entschlossenheit zum Handeln, ohne das Selbstbewußtsein und Selbstgefühl dieser in ihrer Größenordnung häufig unterschätzten Minderheit hätte es keinen Umbruch in der DDR gegeben. Und dennoch scheint sie schon wieder an den gesellschaftlichen Rand gedrängt worden zu sein. Das hat Konsequenzen für die filmische Annäherung.

Ich versuche es durch eine Unterscheidung deutlich zu machen: Wenn ich die Wirklichkeit abzubilden suche, dann habe ich es mit den Koordinaten Raum und Zeit zu tun, denen diese Wirklichkeit unterworfen ist. Mit der Position der Kamera und der gewählten Einstellungsgröße bestimme ich einen Raumausschnitt aus der Wirklichkeit. Mit dem Schnitt während der Montage bestimme ich einen Zeitausschnitt aus der Wirklichkeit. Das heißt, neben der von mir abgebildeten Wirklichkeit existieren noch unendlich viele andere Wirklichkeiten.

Bei meinem Film "Intifada – auf dem Weg nach Palästina" geht die Kamera immer wieder in Räume hinein. Die Bewegung der Kamera auf die Menschen zu ist eine Metapher für meine Situation als Filmemacher, als Außenstehender, als Gast eingeladen zu sein und in Situationen hineingebeten zu werden, an ihnen teilhaben zu dürfen. Diese persönliche Ausgangslage versuche ich den ganzen Film hindurch beizubehalten, um zu verdeutlichen, daß mein Engagement, mein subjektives Empfinden immer auch etwas Trennendes hat, daß in der Annäherung gleichzeitig auch der Abstand liegt: das Zusammentreffen meines abendländischen Kulturempfindens mit der Kultur des vorderen Orients.

Im Unterschied zu "Intifada" glaube ich bei dem jetzt hier zu beschreibenden Film eine viel größere Nähe zur Wirklichkeit zu haben, da ich mich persönlich ihren Koordinaten Raum und Zeit viel direkter ausgesetzt fühle. Gleichzeitig aber fällt mir die Differenzierung ihrer Sinnabschnitte um einiges schwerer, sie bleiben zum Teil bruchstückhaft, liefern kein erkennbares Ganzes. Dies entspricht in meinen Augen präzise der Heterogenität der Situation, in der die DDR – Gesellschaft sich seit dem Oktober 1989 befindet.

IX.

Die Überlegung, Ausschnitte aus dem Leben der Protagonisten in episodenhafter Form zu verfilmen, korrespondiert mit der Heterogenität der DDR-Gesellschaft, dem Zustand der inneren Auflösung, in dem sie sich befindet. Obwohl es sinnstiftende Zusammenhänge gibt, die die einzelnen Geschichten miteinander verbinden, z. B. der 'Runde Tisch', die Region, persönliche Bekanntschaften, müssen zusätzliche Filmebenen gefunden werden, die den zeitgenössischen Augenblick reflektieren, die die Eindimensionalität und das Gewaltsame der historischen Entwicklung in Bilder und Töne umsetzen.

Es ergeben sich für mich also drei Ebenen, auf denen sich der Film vorwärtsbewegt:

– die Ebene der episodenhaften Geschichten,

– die Ebene der Geschwindigkeit des gesellschaftlichen Wandels,

– die Ebene des Territorialen: die alten Grenzen, ihre Auflösung und die neuen Grenzziehungen innerhalb des gesellschaftlichen Interaktionsraums.

Meine Absicht, den Film aus seinem Thema heraus entwickeln zu wollen und ihn nicht nach einem vorgefaßten Konzept zu gestalten, läßt eine detailgenaue Beschreibung der einzelnen Sequenzen nicht zu. Hier müssen Andeutungen genügen. So haben zum Beispiel die ersten freien Volkskammerwahlen am 18.März eine ganz entscheidende Bedeutung für Leben und Arbeit der beiden Protagonisten. In einer Episode wird die Kamera Reinhard K. im Stil des cinema vérité einen ganzen Tag lang während der heißen Wahlkampfphase beobachten. Die Kamera wird die ganze Zeit nicht von seiner Seite weichen, um jeden Schritt, jede Äußerung und jede Gemütsbewegung festzuhalten. Zwischen den einzelnen Wahlkampfveranstaltungen auf Plätzen und in Gasthaussälen werden wir Reinhard K. immer wieder zu dem, was gerade geschieht, Fragen zu stellen haben und ihn dadurch zur ständigen Reflexion seines Tuns zwingen.

In einer anderen Sequenz wird die Kamera Susanne T. bei ihren Wahlkampfaktivitäten für das Neue Forum beobachten. (Hinweis: Alle aufgrund ihres aktuellen Bezugs im März 1990 zu drehenden Aufnahmen werden vor Entscheid des hier vorgelegten Antrags realisiert werden, da der Antragsteller im Januar 1990 eine Projektförderung aus dem 'Aktuellen Topf' des Filmbüros NRW bewilligt bekommen hat. Insofern sind sie nicht Teil der hier beantragten Maßnahme.) Einzelne Episoden sind auch in Form von Rückblenden vorstellbar. Dabei können Teilinszenierungen z. B. mit historischem Archivmaterial montiert werden.

Die Gefahr, daß etwas verloren geht, sollte in den in episodenhafter Form erzählten Geschichten berücksichtigt werden:

– das Verschwinden eines kulturellen Raums, der auch der kulturellen Ent-wicklung der BRD immer wieder Impulse gegeben hat: in diesem Zusammenhang wird eine Episode über die Begegnung zwischen Susanne T. und der Tänzerin Charlotte Dehn von Bedeutung sein;

– die genossenschaftliche Idee als volkswirtschaftliches Projekt, die in der Aufbauphase der DDR eine wichtige Rolle gespielt hat;

– antifaschistische Traditionen, die von der SED mißbraucht worden sind;

– das in jahrzehntelanger Aufbauarbeit unter ungleich schwereren Bedingungen erworbene Selbstwertgefühl, das der bedingungslosen Unterwerfung zu weichen droht.

Bei aller Skepsis gegenüber dieser Entwicklung muß aber der Mut und der Einfallsreichtum der Menschen, die sich für eine souveräne und würdevolle Zukunft einsetzen, im Zentrum der Beobachtung stehen.

Es gibt zahlreiche Metaphern für die filmische Umsetzung der Geschwindigkeit der Zeit, des 'historischen Augenblicks', der sofort durch den nächsten ersetzt wird, z. B. Aufstieg und Fall des Egon Krenz oder des Gregor Gysi; die raschen Wandlungen der allgemeinen Stimmung: von der Angst zum Mut, zur Euphorie, zur Apathie, zur Depression und wieder zurück zur Angst; die rasanten Namensänderungen von Parteien, die den Anschluß nicht verlieren wollen. Als Bilder kommen Schlagzeilen und Fernsehnachrichten in Betracht, oder abstrakter: Zeitansage, das unerbittliche Ticken eines Metronoms, eine Zeituhr beim Schachspiel.

Das gleiche gilt für die filmische Ebene der Auflösung der alten Grenzen. Vorstellbare Bilder sind: historische Aufnahmen von der waffenstarrenden Zonengrenze; das Einreißen der Mauern; die endlosen Menschen- und Autoströme, die über die Grenzen hin und her fluten; die dichte Rücklichterkette der heimkehrenden Trabants und Wartburgs am Sonntagnachmittag auf der Autobahnbrücke bei Zwickau; die riesigen freien Flächen in der Zwickauer Innenstadt; Trümmergrundstücke, die noch nicht wieder bebaut sind.

Die beiden zusätzlichen Ebenen der Zeit und des Raums sind Elemente der Strukturierung. Sie stellen den Bezug her zwischen dem Alltag der handelnden Personen und dem Atem der Geschichte.

Nachtrag

"Manchmal denke ich, ein Einmarsch von Truppen ist ehrlicher als das, was jetzt geschieht." (Heinrich Albertz)

Seit der Niederschrift des vorangegangenen Textes im Februar 1990 sind Monate vergangen. Die Noch-DDR ist schneller sturmreif geschossen, als ich damals angenommen hatte. Die DDR-Bevölkerung hat den Menschen, die ihnen die Freiheit erkämpft haben, eine Absage erteilt und sucht nun ihr Heil in einer von gewendeten Ehemaligen durchsetzten politischen Nomenklatur, die als Preis für den ersehnten westlichen Wohlstand die erneute, bedingungslose Unterwerfung fordert – Früher wurde Linientreue verlangt, heute " marktgerechtes Verhalten".

Das propagandistische Trommelfeuer sich überschlagender Schreckensmeldungen aus einem Land, das noch vor kurzer Zeit einen der oberen Listenplätze in der Rangfolge der Industrienationen innehatte, ist nur eine Etappe in der psychologischen Kriegsführung. War bisher die DDR als ehemaliger SED-Staat das erklärte Angriffsziel, so wird es in der nächsten Phase darum gehen, die Menschen persönlich schuldig zu erklären und ihr Selbstwertgefühl zu brechen, um den kommenden Arbeitskämpfen vorzubeugen. Die DDR-Bürger, die bisher gewohnt waren, daß der Staat für alles verantwortlich ist, werden dies nun auch von dem künftig vereinten Deutschland erwarten und entsprechende Forderungen an ihn richten. Das Recht auf Forderungen soll ihnen genommen werden durch die persönliche Schuldzuweisung, individuell versagt zu haben und unmittelbar selbst die Misere verursacht zu haben.

Gnadenlos und ohne die Spur einer moralischen Hemmschwelle wird das politische Machtvakuum als rechtsfreier Raum mißbraucht. Selbst eingefleischte BRD-Kritiker aus dem Umfeld des "Neuen Forums" befürworten mittlerweile den schnellstmöglichen Beitritt, um diesem Zustand der ständigen Rechtsunsicherheit ein Ende zu bereiten. Unterdessen geben sich – vom sicheren Instinkt der Goldgräber und Glücksritter geleitet – Schieber, Spekulanten und andere Strolche ein Stelldichein. Über ihr Autotelefon gebeugt, durchmessen sie im Eiltempo das andere Stück Deutschland und stecken ihr Terrain ab, bevor die Stunde Null des Anschlusses schlägt, die Ungleiches zu scheinbar Gleichem erklärt.

Immer schneller schlägt der Takt der Zeitmaschine. Mit seinem feinen Gespür für den Erhalt der Macht hat der schwarze Riese aus Oggersheim das kollektive Gedächtnis als ärgsten Widersacher seiner rücksichtslosen Einverleibungspolitik erkannt. Mit einem durch nichts zu begründenden, ungeheuerlichen Zeitdruck soll verhindert werden, daß die Erinnerung, das gelebte Wissen als Korrektiv eingreifen könnte und eine Atempause entstünde, in der die vom mainstream abweichenden Meinungen überhaupt noch wahrgenommen würden.

Seit März 1990 dokumentieren wir die Entwicklung in der anderen Republik und leisten Gedächtnisarbeit. Wenn es so etwas wie das kollektive Gedächtnis einer Gesellschaft gibt, dann hat der dokumentarische Film hier seinen angestammten Platz. Wir haben aus dem bisher gedrehten Material einige Sequenzen ausgekoppelt und zu einem 18min. Film montiert. Seine Rezeption ist unabdingbare Voraussetzung für eine Entscheidung über das hier vorgestellte Projekt, da er die prozesshafte Aneignung von Wirklichkeit deutlich macht. Der WDR hat seine Beteiligung zugesagt.
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