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Weißes Gold – Eine dokumentarische Filmreise

Idee

Als Kind stöberte ich gern im Bücherregal meiner Eltern herum. Am liebsten blätterte ich in Büchern, die von fremden Ländern und Entdeckungsreisen erzählten. Eines Tages, ich war vielleicht 12 Jahre alt, fiel mir die Biographie meines Urgroßvaters in die Hände. Die Beschreibung seines Aufenthalts in den Salpeterwüsten Chiles las sich wie ein Abenteuerroman. Stundenlang betrachtete ich die zahlreichen Abbildungen, die das Buch enthielt. "Wenn ich groß bin, fahre ich nach Chile in die Salpeterminen!" erklärte ich meiner Mutter. "Das geht nicht. Das gibt es alles schon längst nicht mehr!" war die wenig tröstliche Antwort. Dort auf dem Fußboden im elterlichen Wohnzimmer entstand der Wunsch, fremde Länder und Menschen kennenzulernen, der mich zeitlebens nicht mehr losgelassen hat.

1866, im Alter von 21 Jahren, reiste mein Urgroßvater Hermann Conrad Fölsch, der aus Hamburg stammte, nach Südamerika, um dort sein Glück zu machen. Wenige Jahre später gründete er in Chile mit seinem Freund Frederico Martin, der in Chile aufgewachsen war, die Firma Fölsch & Martin, die sich mit der Gewinnung von Chilesalpeter befaßte. Die Geschäfte entwickelten sich unge-wöhnlich erfolgreich. Um den Handel mit Salpeter in der eigenen Hand zu behalten, stiegen Fölsch und Martin auch ins Reederei-geschäft ein. Der erworbene Reichtum wurde gewinnbringend in Hamburg investiert. Hermann Conrad Fölsch kaufte zahlreiche Grundstücke am Rathausmarkt.

Sein Jugendfreund und Schwager Henry Sloman war seinem Ruf nach Chile gefolgt und baute dort, nach über 20jähriger Geschäftsführertätigkeit für meinen Urgroßvater, sein eigenes Salpeterimperium auf. Nach der Jahrhundertwende produzierten die Hamburger Unternehmen Fölsch & Martin, Gildemeister und Sloman ein Viertel des gesamten Salpeteraufkommens. Hamburg wurde zum wichtigsten Umschlagplatz dieses Rohstoffes. 1924 ließ Henry Sloman das Chile-Haus, ein stadtbildprägendes Kontorhaus, in der Nähe des Hamburger Hafens errichten.

Hin und wieder kam der älteste Bruder meiner Mutter aus Hamburg zu einem Besuch in unsere verschlafene Kleinstadt. Als junger Mann hatte er die Kontinente Südamerika und Afrika bereist und einige Jahre in den Minen von Fölsch & Martin gearbeitet. Für mich war er der Inbegriff des ruhmreichen und abenteuerlichen Lebens, das ich eines Tages zu führen gedachte. Ich träumte davon, als Reiseschriftsteller und Fotograf auf Entdeckungsreisen zu gehen.

Die Jahre vergingen, und ich mußte lernen, daß die Geschichte der europäischen Expansions- und Kolonialpolitik wenig ruhmreich war. Das Gerede von der zivilisatorischen Mission Europas entpuppte sich als die Geschichte der Ausbeutung und Ausrottung ganzer Völker. Eine chilenische Freundin erzählte mir von den traumatischen Bedingungen, unter denen die Arbeiter in den Salpeterminen zu leben gezwungen waren. Sie gab mir ein Büchlein zu lesen, das das Schicksal von Menschen beschrieb, die mit falschen Versprechungen in eine der unwirtlichsten Regionen der Welt gelockt worden waren. Wie reagierte mein Urgroßvater – ein überzeugter Calvinist und zeitlebens Förderer christlich-sozialer Einrichtungen in Deutschland – auf das harte Los der Minen-Arbeiter? Wie war es meinem Onkel zwischen diesen Menschen ergangen ? Wie hatte er diese Welt erlebt, und welchen Anteil hatte er daran? Mein Onkel starb, bevor er mir meine Fragen beantworten konnte. Aus seinem Nachlaß erhielt ich mehrere Fotobände über seine Reisen, darunter einen über seine Zeit in Chile. Mit den Bildern im Handgepäck bestieg ich viele Jahre später das Flugzeug nach Santiago de Chile. Ich wollte das Geheimnis lüften, das meine Familie mit dem Weißen Gold verband.

Die Reise

"Es gibt Zeiten, wo ich meinem armen Herzen sage: Du bist ein Narr, so müssig herumzuschweifen! Warum bliebest du nicht zu Hause und studiertest etwas Rechtes, da du doch die Wissenschaft zu lieben vorgibst? – Und das auch ist eine Täuschung, denn ich athme doch durch alle Poren zu allen Momenten neue Erfahrungen ein!" Adalbert von Chamisso

Nach einer nächtlichen Busfahrt und einem unruhigen Schlaf, aus dem mich die gleißende, über den Kordilleren aufsteigende Sonne geweckt hat, erreiche ich die kleine Hafenstadt am Rande der Atacama-Wüste. Vor mir liegt der Strand und der unendlich weite Pazifik. Alles ist in Grautönen gehalten. Die träge ans Ufer klatschenden Wellen, deren Eintönigkeit durch die schmutzige Gischt der Schaumkronen unterbrochen wird, und die zahllosen Kiesel, deren rasselndes Gemurmel ertönt, wenn sie durch die See bewegt vergeblich den Weg ins offene Meer suchen. Grau auch die Möwen, die wie Kapuzinermönche gekleidet am Strand hocken und gleichmütig auf die See hinausschauen. Ab und zu kreist eine von ihnen über dem Wasser, um dann wie der Blitz nach unten zu stoßen und den kleinen Fisch zu packen, der sich vorwitzig an die Wasseroberfläche gewagt hat.

Links und rechts der weiten Bucht treten die Küstenkordilleren bis an den Pazifik heran. Hinter dem Gebirgszug liegt die chilenische Pampa, eine sich endlos ausdehnende, leblose Wüste, von deren verborgenen Schätzen das Wohl und Wehe der hier lebenden Menschen abhängt. Die Hafenstadt Taltal befindet sich im schleichenden Verfall. Darüber können auch die blankgeputzen Straßen und der schmucke Park im Zentrum nicht hinwegtäuschen. Die breiten Straßen lassen noch etwas von der vergangenen Pracht erahnen. Früher wurden sie von einstöckigen Bürgerhäusern gesäumt, heute klaffen überall Lücken, und die Ruinen sind nur notdürftig mit hohen Bretterzäunen gegen neugierige Blicke abgeschirmt. Taltal wirkt wie eine untergehende Goldgräberstadt, die langsam aber sicher im grauen Sand des Strandes zu versinken droht. In der Hauptstraße wartet eine lange Schlange schwarzgelber Taxis vergeblich auf Kundschaft. Die Zeit scheint stehengeblieben zu sein. Die Besitzerin der Pension, deren einziger Gast ich bin, vermerkt als Ankunftstag ein Datum, das schon Wochen zurückliegt.

Der örtliche Bibliothekar und Museumsverwalter Maximino Villarroel empfängt mich mit zurückhaltender Höflichkeit. Seine Vorsicht weicht schnell einer wachsenden Neugierde, als ich ihm von meinem Urgroßvater H. C. Fölsch erzähle, der in der Region Taltal seine Salpeterfabriken aufgebaut hatte und den Hafen für die Verschiffung des Weißen Goldes nach Hamburg nutzte. Ein großer Teil der in seinem Museum ausgestellten Exponate und Bilder stammen aus den Deutschen Salpeterwerken, Fölsch & Martin Nachfolger, Aktiengesellschaft.

Auszüge aus dem Jahresbericht des zweiten Geschäftsjahres 1903 der Deutschen Salpeterwerke AG:

Über die Erwerbung von weiteren Salpeterlägern können wir unseren Aktionären recht Günstiges berichten. Es ist uns gelungen, im Distrikt Taltal umfangreiche Läger zu erwerben, welche nach sorgfältigen Untersuchungen genügend Rohstoff für drei oder mehr grosse Fabriken enthalten. Mit dem Bau der einen derselben, welcher wir den Namen "Chile" gegeben haben, ist bereits im Anfang 1903 begonnen worden; diesselbe ist inzwischen fertiggestellt und hat den Betrieb aufgenommen. Eine zweite Oficina, namens "Alemania", ist Ende 1903 begonnen und dürfte 1904 betriebsfähig sein. Beide Oficinen werden im grössten Masstabe gebaut auf Grund der neuesten Erfahrungen in der Salpeterindustrie. Das gesamte für die Werke verwendete Material ist bei deutschen Maschinenfabriken bestellt und von diesen in muster-gültiger Weise zur Ablieferung gebracht, was wir an dieser Stelle noch besonders zum Ausdruck bringen möchten. Über die Ergebnisse des Geschäftsjahres können wir recht Befriedigendes berichten. Da die beiden neuen Oficinen noch nicht fertiggestellt waren, haben nur die "Atacama" und die von den Herren Fölsch & Martin übernommenen Werke gearbeitet. Dieselben brachten 1.482.213 spanische Zentner Salpeter zum Export, welche einschließlich des Gewinnes auf Jod und Warenverkäufe in den Häfen, nach Abschreibung der gesamten Handlungsunkosten in Chile und Hamburg, einen Gewinn von 2.044.653,98 M ergaben.


Auf einem Stadtplan aus dem Jahr 1912 sind die Hafenanlagen der Deutschen Salpeterwerke eingezeichnet. Vergeblich suche ich nach dem Haus, in dem Hermann Fölsch und seine Frau Harriet einige Jahre gewohnt haben. Harriet hat sich, so wird in der Familie überliefert, die Haustüren und Fensterläden grün streichen lassen, um wenigstens einen Hauch Blattgrün in die vorherrschenden Grau- und Brauntöne zu bringen. Dort, wo früher die Kontorhäuser standen, verstellt ein Bretterzaun den Blick auf eine wüste, leere Fläche. Als ob er verbergen wollte, daß es nichts mehr zu verbergen gibt. Ich steige durch ein Loch zwischen den Brettern und streife über das verwahrloste Gelände. Das einzige noch erhaltene Gebäude ist ein bunkerähnlicher, fensterloser Bau mit schwerer Stahltür. Es ist der ehemalige Tresor, in dem die Deutschen Salpeterwerke ihre beträchtlichen Gewinne verwahrten.

Die verwitterte Mole, über die mein Urgroßvater das Weiße Gold nach Hamburg verschiffen ließ, ragt weit ins Meer hinaus. Am Ende stehen zwei Verladekräne, auf deren Ausleger eine Reihe Komorane hocken. Die Eisenbahnschwellen verlieren sich am Ufer im Sand. Nicht weit weg liegt das älteste Haus der Stadt, in dem der Nachfahre einer chilenischen Kapitänsfamilie lebt. Prachtvolle Chinoiserien und Truhen aus Ebenholz geben den Räumen einen besonderen Glanz. Der alte Mann erinnert sich noch an die Zeit des ersten Weltkrieges, als die deutschen Salpeterschiffe auf der Reede festlagen und die Offiziere und Mannschaften interniert waren: "Sie durften sich frei in der Stadt bewegen, denn in der Wüste konnte ja keiner weglaufen. Schon nach wenigen Wochen hatten die Deutschen schmucke kleine Blockhäuser und einen Sportplatz errichtet. In den kleinen Vorgärtchen blühten Blumen. Jeden Freitag wurden sie von einem chilenischen Offizier zum wöchentlichen Bordellbesuch abgeholt."

Einer der Kapitäne, Paul Lorenzen, war häufiger Gast im Haus. Während des Zwangsaufenthalts in Taltal baute er sein Schiff, die "Glücksstadt", originalgetreu nach. Stolz präsentiert mir die Familie das fast zwei Meter lange Holzmodell des Dreimast-Schnellseglers. Lorenzen hatte es seinen Gastgebern aus Dankbarkeit für die erwiesene Gastfreundschaft geschenkt. Die "Glücksstadt" ist im Auftrag der Deutschen Salpeterwerke Fölsch & Martin gefahren. Zuvor stand Lorenzen einige Jahre als Kapitän des stählernen Vollschiffes "Wellgunde" in den Diensten der Reederei H. Fölsch & Co., deren Flotte 12 Segelschiffe umfasste.

Paul Lorenzen ist nach dem Ende des 1. Weltkrieges nicht mehr nach Deutschland zurückgekehrt. Er ist in Taltal gestorben. Gemeinsam mit dem Museumsleiter mache ich mich auf den Weg zum Friedhof. Die attraktive Friedhofsverwalterin trägt ein knappes grünes Kostüm und verbirgt ihre Augen hinter einer verspiegelten Brille. Sie scheint es ungewöhnlich zu finden, daß ich mich für ihren Friedhof interessiere. Während wir durch die Grabreihen wandern, flirtet sie ungeniert mit meinem Begleiter. Eine Beerdigung zieht vorbei. Der Sarg des Verstorbenen ist aus Pappe. Als er von einigen älteren Männern über eine schmale Leiter in ein Fach in der obersten Reihe eines Grabhauses gehievt wird, sieht es einen Augenblick lang so aus, als ob der Sarg seitlich wegkippt und seine Träger mit in die Tiefe reißt. Gerade noch rechtzeitig können sie ihr Gleichgewicht wiedergewinnen. Häßlich scharrt die Pappe über den rohen Beton, als der Sarg in das enge Fach geschoben wird. Einige Blumen werden nach oben gereicht, und schon lösen sich die Ersten aus dem Trauerzug und streben eilig dem Ausgang zu.

Wir finden das Grab von Paul Lorenzen:

Hier ruht in Gott
Herr Paul Lorenzen
Kapitän des Seglers Glückstadt
Geboren am 29. August 1871
Gestorben am 5. April 1920


Wer war Paul Lorenzen? Was hat ihn hinaus aufs Meer getrieben ? Was hat ihn mit H. C. Fölsch verbunden? Haben sie sich persönlich gekannt? Warum ist er nicht in seine Heimat zurückgekehrt ? Neben Lorenzen ruhen einige Chinesen in der harten Erde, deren Vorfahren aus der Mandschurei stammten und als Sklaven in den Bergwerken Perus schufteten. Während des Salpeterkrieges 1879 -1883 kämpften sie im eigenen Bataillon auf der Seite der siegreichen chilenischen Armee mit. Von der Sklaverei für die Lohnarbeit "befreit", bauten sie die ersten Eisenbahnlinien für britische Unternehmer, die die Bodenschätze zur Verladung an die Küste brachten.

Auf dem Friedhof vereinen sich Schicksale aus allen Teilen der Welt. Mit Mühe können wir einige Inschriften in serbisch-kroatischer, deutscher, englischer und hebräischer Sprache entziffern. Sie alle hat die Abenteuerlust und der Wunsch nach schnell verdientem Geld herbeigerufen. Namenlos bleiben die Gräber der "Cholos", der Indianer und Mestizen aus dem Süden Chiles, die von gewissenlosen "Enganchadores", Menschenwerbern, mit falschen Versprechungen in die Atacama-Wüste gelockt wurden. Auch Maximino Villaroels Vorfahren stammen aus dem Süden. Er erzählt mir, wir sehr sich seine Großmutter danach sehnte, in ihr Dorf zurückzukehren. Sie hat es nie wiedergesehen.

Werbung für Iquique

Ich benötige 200 Arbeiter für die Salpeterminen von Trapacá, ledig oder mit Familie. Die Abfahrt von Santiago erfolgt am Mittwoch den 24. des gleichen Monats mit dem Nachtzug, der um 9 Uhr 40 abfährt. Treffpunkt: Kiosk im Hauptbahnhof gegenüber dem Hotel Peralta. Hinweis: Man wird sich Ledigen und Verheirateten erkenntlich zeigen, sobald sie sich bewerben.

Der Vorbeimarsch beginnt. Entwerfen wir ein Bild von den bemerkenswertesten Figuren dieser malerischen und traurigen Ansammlung von Individuen.

Es nähert sich ein armer Alter, von den Jahren und Leiden gezeichnet, mit einem langen Backenbart, sein weißhaariger Kopf nur unzulänglich bedeckt von einem abgetragenen Sombrero. Seine Kleidung ist erbärmlichst, sein Schuhwerk schlecht. Mit zitternder Stimme wendet er sich an einen der Werber:

– Bin ich hier richtig, wo man sich bewerben kann?

Die Männer, die auswählen, schauen ihn an. Er erscheint ihnen alt, gebrechlich, schwächlich. Da gibt es nicht die anmaßende Muskulatur, die der Salpeterarbeiter benötigt. Und sie fragen ihn:

– Was willst du im Norden machen?

Und der Alte spricht:

– Chef, ich bin von dort, ich habe lange Zeit dort gearbeitet, ich war in den Minen Alianza und Constanzia und möchte dorthin zurück. Ich habe als Transportarbeiter gearbeitet.

– Du bist alt, du taugst für nichts, antwortet einer der Herren.

Beide wenden sich ab und lassen ihn stehen.
Und aus der Gruppe der Umherstehenden, derer, die sich schon eingeschrieben haben, derer, die noch warten und derer, die zuschauen, ertönt ein heftiges, lautes und spöttisches Gelächter. Sie verhöhnen den Alten.
Und der Alte wird traurig, zwei menschenscheue, machtlose Tränen bilden Furchen auf seinen faltigen Wangen und verlieren sich dann in dem grauen Backenbart.

– Chef, sagt er mit einer bitteren Geste zu einem der Männer, die auswählen, bitte nimm mich, hier sterbe ich an Hunger. Und in diesen Worten steckt der Gestus der Tragödie.

Es ist das Bittgesuch eines Unglücklichen, eines Bettlers, von einem, der gehen möchte, um sich für immer auf jener Erde auszuruhen, die ihm die Jugend und die Kräfte seiner Arme geraubt hat.
Und einer der Werber, der mit der freundlichen Stimme, der Anständigere, fühlt Mitleid mit ihm und sagt:

– Gut, wir nehmen dich mit, du taugst zwar für nichts; aber du kannst nützlich werden,
um uns die Abgänge, die die Schiffsreise kosten wird, wieder aufzufüllen. Wie heißt du?

Und der freudig bewegte Alte antwortet mit zitternder Stimme:

– Juan Pérez.

Sein Name wird aufgeschrieben und er erhält einen Ausweis. Ab sofort gehört der alte Juan Pérez zum Heer der Auserwählten. Es kommen andere an. Es ist tragisch und komisch zugleich. Man findet von allem etwas.
Einige tragen breite Sombreros von der Feldarbeit, auf den Schultern den Poncho und an der einen Hand ein Bündel, andere haben nichts dabei, wieder andere haben Galgengesichter, einige zittern vor Hunger, und ein paar Diebe und Gauner scheinen auch dabei zu sein. Aber danach schaut man nicht; was stört daran, Wegelagerer, Taugenichtse und schlechte Menschen mitzunehmen. Hier geht es nicht darum, die Tiefe einer Seele zu ergründen, nein, man schaut sich die Körper an. Was zählt, sind kräftige Leute, welche, die es verdienen, als kräftig genug angesehen zu werden, um im Salpeterwerk zu arbeiten und die Salpetersäcke zu tragen...

Und der Vorbeimarsch geht weiter, endlos, malerisch und traurig. Die Zurückgewiesenen blicken von Kummer und Gram verzehrt auf die, die fahren. Und diese schauen zu ihnen triumphierend und voller Siegesbewußtsein herüber.
Die, die schon einmal im Norden waren, sprechen von der Arbeit und dem Geld, das sie verdient haben.

– Oh ja, das ist wirklich kolossal! Tausende von Pesos, ein prachtvolles Leben, unvergleichlich!

Und nun stehen die, die erzählen, dieses viele Geld in ihren Händen gehalten zu haben, wieder hier, ohne einen Pfennig. Weder können sie sich ein Stück Brot kaufen, noch haben sie ein paar feste Schuhe an den Füßen. Die Ausbeutung hat ihnen nicht nur ihre Muskelkraft genommen, sie hat ihnen auch noch jeden gewonnenen Fetzen geraubt.
Aber alle, die für die Fahrt in den Norden ausgewählt wurden, lachen, lachen voller Freude.

(Ausschnitte aus: Pedro Bravo Elizondo, Impressionen eines Werbers)


Etwa eineinhalb Fahrstunden von der Küste entfernt liegen im Hinterland von Taltal die beiden Salpeterwerke "Chile" und "Alemania" auf einer Hochebene, die westlich und östlich von Gebirgsketten eingerahmt wird. Ich bin mit einem jungen Taxifahrer unterwegs, der glücklich über den unerwarteten Auftrag ist. Ich habe ihm auf der Landkarte die Stellen gezeigt, wo nach meiner Vermutung die Aufnahmen aus dem Fotoband meines Onkels entstanden sind. Er ist noch nie aus dem Norden Chiles herausgekommen und davon überzeugt, daß die Region zu den schönsten der Welt zählt. Er denkt nicht daran, in eine Stadt in den Süden zu gehen. "Hier bin ich aufgewachsen, hier fühle ich mich wohl. Hier kann man jedem vertrauen." Wie zum Beweis schließt er während unserer ganzen Tour nicht einmal die Wagentüren ab, obwohl wir uns mehrmals außer Sichtweite des Fahrzeugs bewegen. Eine Zeit lang fahren wir parallel zur ehemaligen Trasse der Eisenbahn, deren Gleise längst abmontiert sind und anderswo Verwendung gefunden haben. Im Bahndamm liegt eine Rohrleitung verborgen, die über Hunderte von Kilometern Taltal mit Wasser aus den Kordilleren versorgt. Abseits von der Straße unter dem Brückenpfeiler einer Eisenbahnbrücke hat jemand mit großen Lettern "Viva Allende" gemalt. Der Schriftzug ist nicht mehr frisch. In diesem trockenen Klima ist es möglich, daß er aus den Zeiten der Diktatur stammt.

Einige Kilometer weiter haben wir die berühmte Panamericana erreicht, die – mit einigen Unterbrechungen – von Alaska bis Feuerland führt und dabei auch die berüchtigte Atacama-Wüste, die Pampa der Chilenen, durchquert.

Nein, man kann diese Wüste nicht mit Worten schildern, so wenig wie man mit den armseligen Hilfsmitteln unserer menschlichen Sprache den Tod selbst beschreiben könnte. Hier, in dieser Einöde, ist die Einsamkeit selbst zu Hause. Sie hockt hinter jedem Stein und jeder Sanddüne; sie brütet wie ein Ungeheuer auf den gelben Hügeln und schaut grinsend herab in die vom grellen Sonnenlicht überflimmerte Ebene. Zuweilen ist nichts wie Sand zu sehen; gelber, fließender Sand, der bei geringstem Windstoß die heiße Luft mit dickem, salzigem Staub erfüllt. Dann wieder kommen weite Strecken mit wüstem Geröll und phantastischen Bergkegeln, deren grauer Granit bis zum Gipfel überzogen ist von dem graugelben Brei aus Sand und Geröll. Überall, wohin man blickt, nur Sand und Steine, Schutt und Geröll und weißer Salpeter, der in der Sonne glitzert.

(Auszüge aus: Kurt Faber, Dem Glück nach durch Südamerika)


Wir biegen von der Panamericana ab und fahren über eine holperige, staubige Piste auf die Oficina Chile zu, deren gewaltige Schutthalde, die oben flach ist wie die Kuppe eines Forts, schon aus der Ferne sichtbar wird. Von dem großen Salpeterwerk, in dem noch mein Onkel als Kaufmann gearbeitet hat, ist praktisch nichts mehr übriggeblieben. Aus dem Boden ragen einige Fundamentreste. An ihrer Größe läßt sich ermessen, welche Dimensionen die Anlagen einmal gehabt haben. In der Nähe der gemauerten Öfen liegt noch Salpetergeruch in der Luft. Über 3000 Menschen haben in der Mine gearbeitet. Irgendwo hier müssen die Baracken der Arbeiter gestanden haben. Mit dem Fuß stoße ich gegen einen großen stumpfen Gegenstand. Erst beim näheren Hinsehen identifiziere ich ihn als einen mit Salpeter gefüllte Jutesack. Ein Hügel in der Nähe entpuppt sich als riesiger, mehrere Tausend Tonnen schwerer Berg von Salpetersäcken, die der Wind, die Sonne und der Sand im Verlauf von Jahrzehnten miteinander verschmolzen haben.

"Caliche" nennt man die Bildung, in der der Salpeter in der Pampa vorkommt. Sie ist meist hart wie Stein und muß gesprengt werden von den "Barreteros", wilden, desparat aussehenden Kerlen, die mit Dynamitstangen umgehen wie andere mit den Messern und Gabeln. Die losgesprengten Stücke werden von den "Chancheros" auf die Kippkarren der Feldbahnen geladen und nach dem Stampfwerk gebracht, wo sie in kleine Stücke zerbrochen werden. Diese führt man auf kleinen Karren in große, auf Pfählen ruhende eiserne Behälter, in denen sie mit Hilfe von Dampf und Wasser ausgelaugt werden. Nachdem das in der Caliche enthaltende Natriumnitrat gelöst ist, wird es, ähnlich wie bei der Fabrikation der Schwefelsäure, von einem Behälter in den anderen gepumpt, um einen möglichst hohen Grad der Konzentration zu erreichen. Schließlich kommt die Flüssigkeit in mächtige Retorten, wo der Salpeter langsam ausfällt und die überflüssige Lauge wieder in die Fabrik zurückgeleitet wird. Der so gewonnene weiße, pulverige Salpeter wird dann in Säcke geschaufelt und nach der Küste verfrachtet. Die Salpeterindustrie gebraucht und verbraucht alljährlich zahllose Arbeitskräfte. Unermüdlich sind ihre Agenten tätig, um mit glatten Zungen und gleißenden Versprechungen das "Material" herbeizuschaffen. Aus den entlegensten Winkeln des weiten Erdteils setzt sich der Strom in Bewegung nach diesen zermürbenden und zermahlenden Knochenmühlen, denen nur die wenigsten bei voller Gesundheit wieder entkommen – wenn sie überhaupt je wieder diesen glücklichen Augenblick erleben.

(Auszüge aus: Kurt Faber, Dem Glück nach durch Südamerika)


Zwischen einigen Mauerresten liegt eine zerbrochene Klosettschüssel. Mein Blick wandert über die graubraune Erde in der leisen Hoffnung, noch eine der "Fichas", der Münzen, zu entdecken, von denen mein Onkel erzählt hatte. Ein Teil des Lohns wurde in diesen Münzen ausgezahlt, die als Zahlungsmittel nur in den Geschäften der Minengesellschaft Gültigkeit besaßen. So blieb der Geldkreislauf geschlossen, und die Arbeiter waren gezwungen, ihren Lohn gleich wieder an Ort und Stelle auszugeben. Sie wohnten und lebten in unmittelbarer Nachbarschaft der Minen in einer abgeschlossenen Welt, aus der es, solange der Arbeitsvertrag bestand, praktisch kein Entrinnen gab. Die 1904 in Betrieb genommene Oficina Chile entwickelte sich rasch zur ertragreichsten Mine der von H. C. Fölsch und Frederico Martin gegründeten Firma. Deutschlands entstehende Agrarindustrie wurde zum wichtigsten Abnehmer von Chilesalpeter in Europa. Davon profitierte vor allem der Hamburger Hafen: innerhalb von 40 Jahren steigerte sich die Einfuhr von Salpeter um das knapp 40fache auf 509.800 Tonnen im Jahr 1905.

Die Unternehmer Fölsch, Martin und Sloman mußten in Chile keine Einkommenssteuern bezahlen, und Hamburg erließ 1900 ein besonderes Gesetz, das vermögende Rückwanderer von der Einkommenssteuer befreite. In Hamburger Kaufmannskreisen wurde es auch als "Lex Sloman" bezeichnet. Ricardo Sloman, der Sohn von Henry Sloman schrieb 1974 in seinen Lebenserinnerungen:

Ich selbst schätze als Volkswirtschaftler die Höhe der Gelder, die 1870 – 1901 von Deutschen zurückgebracht wurden, auf vier Milliarden Mark, wovon eine Milliarde Hamburg und Umgebung zugeflossen ist, nach damalig hoher Kaufkraft drei- bis viermal so hoch wie heute... Es muß hierbei immer wieder anerkannt werden, daß die Auslandsdeutschen sich noch als bessere Patrioten zeigten als Inländer. Milliarden Summen, die nach Deutschland flossen, schwächten ja auch die Volkswirtschaft des Landes, wo sie verdient wurden.

Vorausschauend legte H. C. Fölsch sein Geld in Immobilien an. Gegenüber dem Hamburger Rathaus kaufte er nach und nach Grundstücke auf, bis ihm ein ganzer Häuserblock in der besten Lage Hamburgs gehörte. Nach dem 2. Weltkrieg erbauten die Erben auf dieser Fläche einen Geschäftsblock, dessen Verwaltungsrat mehrere Jahrzehnte lang mein Onkel vorstand.

Ich laufe auf einige verdorrte Bäume abseits der früheren Fabrikanlagen zu, in deren Nähe noch einige Mauern erhalten geblieben sind. Hier haben wahrscheinlich die Häuser und das Kasino der leitenden Angestellten gestanden, umgeben von Gärten und parkähnlichen Anlagen. Hier muß auch mein Onkel gewohnt haben, als er von 1924 – 1927 in der Buchhaltung arbeitete.

Auf den Bildern meines Onkels erkenne ich, daß bei den Sprengarbeiten und dem Abfüllen der Säcke auch zahlreiche Kinder beschäftigt waren. Sie waren die billigsten Arbeitskräfte, die durch kein Gesetz geschützt wurden. Mein Urgroßvater, der keinen Anstoß daran nahm, daß in seinen Minen Kinder arbeiteten, war Calvinist. Nachdem er mit seiner Familie von Hamburg auf das Gut Moholz bei Görlitz in Schlesien umgezogen war, schloß er sich dort der Herrenhuter Brüdergemeinde an, die sich zu einem tätigen Christentum bekennt. Als Freund von Johannes Wichern unterstützte er ihn finanziell beim Aufbau der Inneren Mission und des "Rauhen Hauses", der ersten Einrichtung für gefährdete Jugendliche in Hamburg. Er gründete das Baseler Hospiz für "gefallene Mädchen" und die "Schrippenkirche" in Berlin, die Missionierung und Speisung verarmter Menschen verband.

Unter Calvinisten findet man viele sehr tüchtige, aber auch harte Geschäftsleute. Sie glauben an die Gnadenwahl und vertreten die Ansicht, daß das Verhalten und der Erfolg des Einzelnen in dem Maß von Gott vorherbestimmt ist, in dem er den Guten wohlgesonnen ist. In der Familie wird erzählt, daß H. C. Fölsch davon überzeugt war, in den Himmel zu kommen. In seinem Testament verfügte er, an seinem Grab keine Trauermusik zu spielen, den weißen Sarg mit vielen Blumen zu schmücken und frohe Lieder zu singen. 1892 während der großen Cholera-Epedemie in Hamburg gehörte er zu den Freiwilligen, die die Kranken versorgten, ohne seine eigene Gefährdung zu fürchten.

Ich frage mich, ob ein Zusammenhang besteht zwischen der großen Selbstgewißheit, zu den Auserwählten Gottes zu gehören, und dem Verhalten der Europäer bei ihren Eroberungsfeldzügen im 19. Jahrhundert, als die verbliebene Welt nahezu vollständig unter den Kolonialmächten aufgeteilt wurde. Zur gleichen Zeit, als H. C. Fölsch und Henry Sloman ihr Salpeter-Imperium in der chilenischen Pampa begründeten, schrieb Joseph Conrad seine Novelle "Herz der Finsternis", in der er in der Figur des pervertierten Handelsagenten Kurtz den europäischen Kolonialismus brandmarkte. Joseph Conrad spricht in einem Brief an seinen Verleger, in dem er diesem das Thema seiner Novelle erläutert, von der "Inkarnation der Selbstherrlichkeit", die sich hinter der Rede von der zivilisatorischen Mission verbarg.

Wir besteigen wieder das Auto und versuchen, den Weg durch eine Schlucht zu finden, auf dem mein Onkel und seine Freunde in Richtung Küste geritten sind. Leider ist der Wagen nicht geländegängig genug, und wir beschließen an die Küste zurückzufahren. Auf dem Rückweg legen wir an der Panamericana eine Rast ein. Auf dem von Schlaglöchern übersäten Parkplatz stehen drei sechsachsige Trucks, deren blanke Seitenflächen in der Sonne blinken. Ich habe das Gefühl, diesen Ort schon hundertmal in amerikanischen Roadmovies gesehen zu haben. Das Restaurant heißt "San Francisco" und besteht aus einer langgezogenen, heruntergekommenen Bretterhütte, deren halbblinde Fensterscheiben nur einen schemenhaften Einblick in das Innere gewähren. Der Besitzer, ein rotgesichtiger Mann undefinierbaren Alters mit fettigen, grauen Haaren, die er unter seinem Somberero zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hat, steht an die Theke gelehnt und unterhält lautstark seine Gäste. Das Gespräch hat die aktuelle Situation Chiles nach der Verhaftung Pinochets zum Gegenstand. Wir bestellen uns Bohnen mit Reis. Der Wirt beschimpft die Regierung, die es nicht schafft, Pinochet ins Land zurückzuholen. Ein junger Lastwagenfahrer mit hartem Gesichtsausdruck mischt sich ein: "Wenn es nach mir ginge, müßten einige aus der Regierung direkt an die Wand gestellt werden". "Was fehlt, ist ein neuer Putsch!" pflichtet der Grauhaarige bei. Und plötzlich sind sie bei Allende, beim 11. September 1973, dem "Once", wie man hier sagt. "Das Gerede über die Menschenrechte ist dummes Zeug. Die Roten haben sich in Wahrheit nie darum gekümmert." "Wißt ihr, wieviele Autos der Allende hatte? Ich weiß genau Bescheid, ich war damals in der Moneda, im Keller hat man einen großen Mercedesbus gefunden, mit einem eingebauten Schlafzimmer und allem drum und dran, damit ist er mit seinen Geliebten am Wochenende ans Meer gefahren."

Vergeblich versucht uns der Restaurantbesitzer in die Unterhaltung miteinzubeziehen. Still essen wir unsere Teller leer. Die Frau, die uns bedient, eine Indigena mit blauschwarzen hüftlangen Haaren, gibt mit ihren Blicken zu verstehen, daß wir den Grauhaarigen nicht so ernst nehmen sollen. In einer gelben Staubwolke, die einen Augenblick lang das durch das Fenster einfallende Licht verdunkelt, kommt ein mächtiger Mack-Truck zum stehen. Aus der Fahrerkabine springen zwei Männer herab und streben auf steifen Beinen dem Eingang der Bretterbude zu. Bald wird der Besitzer neue Zuhörer haben und seine Tiraden fortsetzen. Als wir an der Theke bezahlen, meint er, daß er wohl zuviel politisches Zeug geredet hätte. "Que se vayan bien" – "Ich wünsch' euch einen gute Reise", ruft er uns hinterher.

In der Hauptstraße von Taltal haben die Arbeiter der Kupfermine Punta Grande ihr Streiklokal eingerichtet. "Wir wollen Arbeit", "Wir wollen Gerechtigkeit", "Wir brauchen unsere Gehälter, um Strom, Gas und Brot bezahlen zu können" verkünden Papp-Plakate neben dem Eingang, vor dem sich einige Minenarbeiter versammelt haben. Die Punta Grande, der größte Arbeitgeber vor Ort, soll geschlossen werden, und die Arbeiter haben bereits damit gedroht, die Panamericana zu sperren. Chile ist dem Auf und Ab des Weltmarktpreises für Kupfer nahezu vollständig ausgeliefert. So, wie früher das Salpeter die Geschicke des Landes bestimmte, ist es heute immer noch vom Kupfer abhängig. Im Innern des Streiklokals haben die Frauen eine Gemeinschaftsküche eingerichtet.

Ich sitze in einem Eissalon am Rande des zentralen Platzes. Aus den Lautsprechern ertönt ein Mix aus italienischen Schlagern und argentinischen Tangos. Die Holzwände, an denen ein paar verblichene Alpen-Stilleben hängen, sind olivgrün gestrichen. Fasziniert beobachte ich das Zusammenspiel des sich flink drehenden Stahls der Eismaschine und der schmalen, gepflegten Hände der alten Dame, die ab und zu mit einem Holzlöffel in der Eismasse herumrührt. Die Besitzerin des Eissalons ist 91 Jahre alt: "Schätzen Sie mal, wie alt ich bin!" Seit 40 Jahren betreibt sie den Eissalon. Vorher hat sie 30 Jahre in einer Konditorei gearbeitet. "Man kommt ja nie weg, wenn man so ein Geschäft hat. Ich bin mein ganzes Leben in Taltal geblieben und nie rausgekommen." Diese Frau hat alle Höhe- und Tiefpunkte der Stadt miterlebt. Auf der anderen Seite des Platzes steht noch die Fassade des ehemaligen Theaters. In seinen Glanzzeiten gastierten dort Stars aus den USA und Europa. In den Auslagen der prächtigen Geschäfte wurden Handelswaren aus aller Welt dargeboten, und die Mädchen aus den Kaufmannsfamilien kleideten sich nach dem letzten Pariser Chic. Abends spazierten Offiziere und Seeleute aller Nationalitäten durch die hell erleuchteten Straßen, und aus den Kneipen und Bordellen ertönte die ganze Nacht Musik.

Jedes Mal, wenn ich durch Taltal komme, steigen in mir wieder die Bilder auf von jener schmerzlichen Episode 1914, als alle Salpeterwerke stillgelegt waren. Ich habe diese Zeit selbst erlebt.... Die Elendsszenen jener Epoche waren schamlos. Eine lange Karawane von Frauen und Kindern, alten und jungen Männern vagabundierte durch die Straßen und flehte um Barmherzigkeit, andere fanden sich am Meeresstrand ein und sammelten die Abfälle, die die Wellen anspülten. Es war wie ein menschliches Gewitter, das sich durch die Straßen und besseren Geschäftsviertel ergoß. Tausend Hände streckten sich dem Passanten entgegen und baten um ein Almosen. Tausend Stimmen verfluchten ihr Schicksal, und der tragische Widerhall auf dem Höhepunkt des traurigen Schmerzes der Menschenmenge ließ die Grundfesten einer Stadt erschüttern. Ich sah die Bürger erzittern, die Schacherer der Siedlung. In panischer Angst befürchteten sie, daß das Heer der Hungernden ihre Geschäfte und Geldschränke plündern würde, und ich sah, wie sie meine Geschwister im Elend verabscheuten, die das Vaterland verfluchten, das sie in die Ehrlosigkeit geschleudert hatte, die in jedes Herz den Gedanken zu rauben, in jede Hand die Waffe des Verbrechers pflanzte. Und gemeinsam mit ihnen spürte ich das Verlangen nach Gerechtigkeit und Vergeltung. Ich spürte, wie in meinem Innersten das Rebellische aufzuckte, wie es sich verkrampfte und sich zu befriedigen wünschte an den Lumpen, die vorübergingen. Angesichts der Tränen, die flossen, sah ich vor mir das Bild einer Karavane von Menschen, die die Peitschen schwangen, um jene auf den Marktplätzen des Tempels der Menschheit zu züchtigen, und ich stellte mir vor, daß das Volk endlich seine Pflicht erfüllte und sich das nahm, was ihm zustand, was es selbst hervorgebracht hatte. Ich glaubte, den Taumel der Schlacht zu spüren, den Zusammenprall der Dutzendmenschen mit den Privilegierten, den Aufstand der Klasse der Verdammten und den wilden Befreiungsschrei, der sich wie ein Credo erhob, wie eine Fahne, wie eine Apotheose von den rauchenden Trümmern der Barrikaden. Aber das Volk ging an den aristokratischen Palästen, an den schamlos ausgestellten Waren vorbei, ruhig und ernst. Taltal verhielt sich diesem Hungeraufmarsch gegenüber gleichmütig, genauso gleichmütig, wie darauf Iquique, Antofagasta und Valparaíso zuschauten. Die Geschichte jener Zeit ist bisher noch nicht geschrieben worden. Um sie niederzuschreiben, wird man die Feder in Tränen und Blut tauchen müssen. Denn das, was bei jener schmerzhaften Empfängnis des Lebens in der Pampa herauskam, war Wehklagen und Blut. Man wird ein Bild davon malen müssen, wie die Arbeiter in verschmutzten Booten verschifft wurden; ein Bild des Lebens während der Überfahrt; der Bettelei in den Straßen von Valparaíso, Santiago und Concepción; der ständig wiederkehrenden Wellen der Armut; des armseligen Verkaufs von Frauenkörpern, die sich der Unzucht hingaben, um von den Faunen ein Brot zu erbetteln; der Erniedrigung von rechtschaffenen Arbeitern, die sich auf kriminelle Machenschaften einließen, um essen zu können. Dieser Bericht wird eine Auslese des proletarischen Elends sein, eine schallende Ohrfeige in das Gesicht einer Schurkengesellschaft und ein Rüffel gegen das Volk, das selbst den Galgen aufstellt, um gehängt zu werden.

(Pedro Bravo Elizondo, Impressionen eines Werbers)


Es ist spät geworden. Schräg fallen die warmen Abendsonnenstrahlen auf die gekrümmte, alterslose Frau, die mit karminrot lackierten Fingernägeln eine Eismaschine bedient.

Vor dem Büro der nationalen Transportgesellschaft steht abfahrbereit der Bus nach Iquique. Bequem lehne ich mich im Sessel zurück, während wir schnell an Fahrt gewinnen und durch die aufkommende Nacht gleiten. Hinter mir verblassen die Lichter von Taltal und auf dem weiten Himmelsbogen beginnen die Sterne des Südens zu leuchten. Ich bin auf dem Weg nach Norden in die Gegend von Tocopilla, dort, wo Henry Sloman das Geld für den Bau des Chile-Hauses erwirtschaftete.

Robert Krieg, Köln, Juni 1999

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