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Die Männer des Präsidenten

Chile: Gedanken zu einem Dokumentarfilm über die einstige Leibgarde Salvador Allendes

Als wir 1997 das erste Mal in Chile mit den Männern der GAP zusammentrafen, war Augusto Pinochet gerade zum Ehrensenator ernannt worden. Es sah so aus, als müßten sich die Chilenen dem Prozeß der "Nationalen Versöhnung" beugen, ohne daß die Verbrechen aus 17 Jahren Militärdiktatur gesühnt würden. Als wir im Herbst 1998 mit den Dreharbeiten begannen, wagte niemand an Pinochets Verhaftung zu denken. Im Dezember hatten wir das Glück, zusammen mit unseren Freunden die erste Entscheidung des britischen Innenministers über die Auslieferung des Senador vitalicio zu erleben. Für viele eine große Genugtuung. Juan Osses – einer der Zeitzeugen des Films – meinte damals: "Was gerade mit Pinochet passiert, hat unsere Demokratie entlarvt. Doch von jetzt an wird es möglich sein, die Schuldigen zu benennen, und das stärkt die Voraussetzung für eine Versöhnung in Chile. Deshalb haben wir unseren Film Adiós, General (*) genannt.

Sie waren jung und schön und Idealisten. Sie konnten schießen und politisch denken. Sie wurden GAP genannt – grupo de amigos personales – Gruppe der persönlichen Freunde. Als sie sich entschieden, das Leben des Präsidenten Salvador Allende (**) zu schützen, wußten sie, daß sie das ihre an seiner Seite verlieren könnten.

Viele Chilenen glauben heute noch, daß die GAP eine Horde halbkrimineller Schläger und kubanischer Guerilleros war, die vom internationalen Sozialismus finanziert wurden und mit dem Präsidenten Orgien feierten. Eine Lüge, die sich hartnäckig hält. Kaum jemand glaubt, daß sie nicht einmal bezahlt wurden für ihren Job. Daß es ein Dienst rund um die Uhr war – ein Leben ohne Anspruch auf sich selbst und in der Anonymität, denn sie trugen nicht einmal ihre eigenen Namen. Ein Leben in Anzügen zu Sonderpreisen aus dem Bekleidungsgroßhandel eines Genossen.

Eine Tür, die es nicht mehr gibt

Santiago de Chile am 11. September 1998. Es regnet. Die Leute meinen, es habe immer geregnet am 11. September seit 25 Jahren. Keiner weiß genau, ob das stimmt. Es ist noch früh. Spannung liegt über der Stadt, wie immer an diesem Tag. Mannschaftswagen, Kavallerie, Carabineros in nervöser Kampfeslust. Erste Tränengasbomben gehen hoch. Die Straßen um den Regierungspalast La Moneda sind abgesperrt, wie immer am 11. September. Und doch ist es diesmal anders. Es gibt keinen General Pinochet mehr, und es wird keine Militärparade geben zu seinen Ehren, das erste Mal seit 25 Jahren. Also sollen fortan auch die Proteste ausbleiben. Auf Beschluß der chilenischen Regierung wird in Zukunft jeder erste Sonntag im September als "Tag der nationalen Versöhnung" begangen. Ende der Erinnerung. Beginn des Vergessens. Ein Vierteljahrhundert ist immer gut für eine Zäsur.

Die Polizisten werden unruhig. Eine kleine Gruppe von Leuten bewegt sich auf die Moneda zu. Bis dorthin, wo einmal eine Tür war, ein Seiteneingang des Regierungspalastes. Allende und seine Sicherheitsleute, die Männer von der GAP, haben sie oft benutzt. Sie existiert nicht mehr. Die Militärs haben die Stelle zugemauert und der Fassade angepaßt. Und doch weiß jeder, daß es diese Tür gab. Die Laternen zu beiden Seiten des Einganges wurden entfernt, aber es sind dunkle Flecken zurückgeblieben. Wie eine ewige Mahnung. Zu dieser Stelle tragen die Leute ein Blumengebinde, auf das mit weißen Nelken GAP geschrieben ist. Sie wissen, daß es die Polizei bald wieder entfernen wird. Auch in diesem Jahr.

Juan, Manuel, Isidro – den Präsidenten mit dem eigenen Körper schützen

Juan Osses hat seine Freunde nicht zur Moneda begleitet. Er war an Allendes Grab. "Kollektives Gedenken" liegt ihm nicht. Er möchte allein sein mit seiner Erinnerung, weil jeder eine eigene hat. Juan gehörte zu Allendes Eskorte: Männer aus den Reihen der GAP, die den Präsidenten mit dem eigenen Körper schützten.

Juan war damals gerade 20. Er wollte heiraten am 11. September 1973. Zwischendurch weg vom Dienst und schnell zum Standesamt. Seit Wochen schon hatten die Männer der GAP kaum geschlafen. Gegen fünf Uhr morgens, erinnert sich Juan, hörte er im Radio von einer Meuterei bei der Marine. "Wir zogen Kampfkleidung an oder vielmehr irgendetwas, das uns zum Kämpfen passend schien, Jeans und Pullover oder so. Womit wir uns bewegen konnten." So zogen sie los, den Präsidenten, die Verfassung und den Regierungspalast Chiles zu verteidigen. Ein paar Dutzend Männer mit ein paar Maschinenpistolen. Gegen Panzer und Flugzeuge.

Juan wurde im Innenhof der Moneda verhaftet. Er wollte Munitionsnachschub holen und hatte keine Ahnung, daß Allende schon nicht mehr lebte, er wußte nichts von den anderen Männern. Osvaldo, sein bester Freund, mit dem er an einem Fenster im zweiten Stock Stellung bezogen hatte, war gerade schwer verwundet zusammengebrochen.

Die Soldaten wollten ihn auf der Stelle erschießen, nahmen ihn dann jedoch als Geisel und stießen ihn zu eben jener Tür hinaus, die es heute nicht mehr gibt. Draußen lagen die anderen unter den Gewehrläufen, mit dem Gesicht auf dem Pflaster, die Arme im Nacken. Aus dem Gebäude gegenüber wurde noch geschossen, kein massiver Widerstand, aber hartnäckig. Es waren ein paar Leute von der GAP. Juan sollte sie zum Aufgeben bewegen, weigerte sich aber. Also prügelten sie ihn zu den anderen auf die Straße. Dann näherte sich ein Panzer.

Manuel Cortes wußte, was das bedeutete. Er befahl, das Feuer sofort einzustellen. Die Schlacht war verloren; jetzt konnte es nur noch darum gehen, das Leben der Gefangenen nicht zu gefährden. Einen ganzen Vormittag lang hatte er gemeinsam mit Isidro Garcia und sechs anderen Leuten von der GAP zu verhindern versucht, daß die Militärs in die Moneda eindrangen. An eine Rettung des Präsidenten war nicht mehr zu denken, obwohl der Plan immer wieder minutiös durchgespielt worden war. Außerdem wußten sie, daß Allende nie freiwillig aufgeben würde. Von der Garage der Moneda führte eine Treppe in die oberen Stockwerke des Gebäudes, in dem sich noch heute das Bauministerium befindet. Die Männer der GAP kletterten zum Schluß in die dritte Etage und fingen an zu schießen. Sie versuchten, das Unvermeidliche zu verhindern, immer in der Hoffnung auf Unterstützung von außen. Sie wollten nicht glauben, daß die Chilenen "ihren" Präsidenten im Stich lassen würden.

"Wir sahen den Panzer, wie er auf die Gefangenen zufuhr, und wußten, daß man sie töten würde, sollten wir weiterkämpfen", erinnert sich Manuel Cortes. "Wir versteckten die Gewehre, besorgten Spiritus, damit wir unsere schwarzen Gesichter und Hände säubern konnten und mischten uns unter die Angestellten des Ministeriums, die sich im Erdgeschoß versammelt hatten. Die waren ja am Morgen alle ahnungslos zur Arbeit gekommen."

"Wir hatten vor", erinnert sich Isidro Garcia, "mit den Angestellten das Gebäude zu verlassen, als gehörten wir dazu. Manuel öffnete ein Fenster und begann mit einem Offizier zu verhandeln, daß sie uns doch gehen lassen sollten, wir hätten nur den einen Wunsch, zu Hause bei unseren Familien zu sein. Der Offizier hatte keine Ahnung, wer wir waren, und wir vertrauten darauf, daß die Leute uns nicht verraten würden."

Der Plan ging auf. Draußen mußten sich alle mit erhobenen Händen an die Wand stellen und dann ihre Ausweise abgeben. Schließlich konnten sie gehen. Es war nachmittags, Santiago glich einer Geisterstadt. Allendes Leiche war schon abtransportiert worden; die Gefangenen lagen immer noch auf der Straße, mit dem Gesicht nach unten, die Arme im Nacken. Krankenwagen brachten die Verwundeten weg, einer von ihnen war Osvaldo, Juan Osses Freund.

Die Militärs begannen eine hysterische Jagd auf die Männer von der GAP. Keiner von ihnen sollte mit dem Leben davonkommen, so lautete der Befehl. Wer der Armee in die Hände fiel, wurde grausam gefoltert und dann ermordet. Von einigen fand man erst nach mehr als 20 Jahren die sterblichen Überreste in einem Massengrab auf dem Zentralfriedhof Santiagos. Nur wenige haben überlebt. Einer von ihnen ist Juan Osses. Sein Leidensweg führte durch die Folterhöllen des Regimentes Tacna und das Nationalstadion von Santiago. Daß er dem Tod entging, erscheint ihm noch heute wie ein Wunder. "Es gab viel Chaos nach dem Putsch, viele Irrtümer. Vielleicht bin ich nur deshalb verschont geblieben, weil mich niemand erkannte. Andere von der GAP waren häufiger mit Allende fotografiert worden. Die hatten keine Chance. Ich erinnere mich, daß ein paar meiner Freunde im Stadion regelrecht unter Hunderten herausgefischt wurden. Von ihnen haben wir nie wieder etwas gehört. Auch mein Todesurteil stand eigentlich schon fest, als wir noch vor der Moneda lagen. Aber wir sollten auf offiziellen Befehl 'ordentlich mit Stempel und Unterschrift' erschossen werden. Deshalb brachten sie uns ins Regiment Tacna. Aber es vergingen Stunden, und der Befehl kam nicht. In dem ganzen Chaos bin ich dann im Nationalstadion zwischen 'harmlose' Gefangene – zumeist Studenten – geraten. Weil die Militärs keine Dokumente von uns hatten, erzählten wir in den Verhören die haarsträubendsten Geschichten. Ich gehörte zu den ersten 100 Gefangenen, die auf internationalen Druck freigelassen werden mußten. Doch die Militärs wollten sicher gehen, daß wir auch wirklich "ungefährlich" waren. Mir glaubten sie nicht und sortierten mich zur weiteren Behandlung aus. Ich wußte, daß mir die Folter bevorstand. Das wollte ich nicht durchmachen. Ich hätte mich von der Stadionmauer gestürzt, aber vorher wollte ich einem Wachposten das Gewehr entreißen und jede Menge von ihnen erschießen."

Juan, Isidro, Manuel – eine Schneise durch die Zeit schlagen

Juan Osses holte seine Hochzeit nach und emigrierte mit seiner Frau in die DDR. Beide studierten an der DHfK (***) in Leipzig, eine Tochter wurde geboren, Juan promovierte. Darüber vergingen zehn Jahre. 1983 kehrte er endlich nach Chile zurück, immer noch bereit, für die Revolution zu sterben. Seine Frau trennte sich von ihm, sie hatte keine Kraft mehr für ein Leben auf dem Pulverfaß. Die KP beauftragte Juan mit der illegalen militärischen Ausbildung junger, zuverlässiger Kader. Zwei Jahre später wurde er mit seinen Schülern verhaftet. Einer starb unter der Folter, Juan überstand todkrank die Mißhandlungen und mußte zwei Jahre im Gefängnis absitzen. Zu seiner Sicherheit wurde er danach wieder ins Exil nach Mexiko geschickt, kehrte aber schon nach drei Monaten zurück. "Das erste Mal seit vielen Jahren fiel ich in ein richtiges tiefes Loch. 14 Jahre war Pinochet an der Macht, Chile ging es wirtschaftlich gut, und die Menschen hatten gelernt, mit der Diktatur zu leben. Revolution? Daran nur denken, war absurd. Ich mußte das akzeptieren und mir wurde klar, daß wir uns viel zu sehr mit dem Tod beschäftigt hatten. Siegen oder Sterben, das ist eine Kultur des Todes. Aber wir kämpfen, um zu leben. Es war eine schmerzvolle Erkenntnis."

In der Calle Santa Rosa, nur ein paar Straßenzüge von der Moneda entfernt, gibt es heute Dutzende von Autowerkstätten und Ersatzteilläden, ein wahres Mekka für Autoliebhaber. An der Ecke liegt der Überlebensbesitz des einstigen GAP-Mannes Isidro Garcia. La Seine hat er seinen Universalservice genannt – eine Reverenz an das französische Exil. Auf dem Hof eine Art Bungalow. Ein paar Hunde aller Größen und Rassen. Hinten arbeitet Manuel Cortes, der seinerzeit, am 11. September 1973, das Feuer gegen die Putschisten einstellen ließ, um den Abtransport der Verwundeten zu ermöglichen. Autos sind seine große Leidenschaft geblieben.

Manchmal kommt Enrique Ramos vorbei, immer adrett in Anzug und Krawatte – dann holen sie Essen aus dem kleinen Restaurant an der Ecke, trinken Rotwein mit Cola und geben sich ihren Erinnerungen hin. Dann ist die Vergangenheit sehr präsent und die Wahrheit sehr individuell. Es ist nicht einfach, nach einem Leben, wie es diese Männer geführt haben, einen Weg in die Zukunft zu finden. Immer wieder wird durchgespielt, warum alles so passiert ist und ob es zu verhindern war. Ein Gefühl von Ohnmacht und Schuld wird wohl immer bleiben. "Zwei, beinahe drei Generationen von Chilenen", sagt Manuel, "wissen nicht, was wirklich in den vergangenen 25 Jahren passiert ist. Die Geschichte Chiles nach dem 11. September 1973 haben die Militärs geschrieben. Es ist an der Zeit, daß die Menschen unsere Wahrheit erfahren. Das sind wir auch unseren ermordeten Genossen schuldig."

(*) Der Dokumentarfilm wird am 14. Juni in Köln beim XV. Fernsehworkshop Entwicklungspolitik gezeigt und danach vom WDR gesendet.

(**) Vom 25. Oktober 1970 bis zum Putsch vom 11. September 1973 Präsident Chiles, stützte sich auf das Linksbündnis Unidad Popular

(***) Deutsche Hochschule für Körperkultur

Gabriele Wojtiniak

Freitag, 21. Mai 1999
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